Unser Vorschlag: Thema Raser - folgend Antwort von Bundespräsident Leuenberger
Lieber Bundespräsident Moritz Leuenberger, Vom 17.4.06
Soeben habe ich eine Beschwerde an die Kantonspolizei Aargau geschrieben. Sie haben recht mit Ihrer Idee, Fahrzeuge wegnehmen, aber welche Gesetze müssen dazu noch mutiert werden?
Unsere 3 Kinder fahren alle heute, 2 fahren Auto, einer noch Roller. Sie sind als Kinder alle Motocross gefahren. Sie haben die Gefahr gesehen. Sie fahren heute wirklich tip top und keine Raserei. Ich selber habe meinen Uebermut auch zuerst ein wenig auf der Strasse getestet, hatte einige Motorräder, auch grosse, aber auch viel erlebt, wo man das Glück herausgefordert hat. (Vermutlich viele Andere auch)
Einmal sah ich auf einer Wiese ein paar Jungs mit Geländemotorräder im Kreis herum fahren, damals hatte ich viel Geld, also kaufte ich sofort so ein Motorrad und schloss mich denen an. Und eines merkte ich, nach 15 Minuten auf einer Wiese herumfahren. Ich fiel wie ein kaputter Kartoffelsack vom Geländemotorrad, also musste man üben, trainieren, Sport machen, damit man aus 15 Minuten, 25 Minuten machen konnte.
Dann, nach etwa 2 Jahren, überredeten mich Freunde auch etwas Hügel- oder Crossstrecken zu fahren und da muss ich Ihnen sagen, Herr Bundespräsident Leuenberger, da machte ich wirklich fast in die Hosen, wenn man so an einem Hügel steht und nach unten fahren muss. Die Angst, das Misstrauen gegen die Technik war enorm. Wenn man nach unten guckt und meint, man steckt wie ein Pfahl im Boden, wenn es plötzlich wieder Bergauf geht!
Aber der Tag kam, wo ich es konnte. Ich ging im Jahr ca. 10 mal fahren, wobei der Herbst die beste Zeit war, wenn die Bauern vor dem Pflügen ihre Felder gaben für ein Sackgeld. Aber es wurden immer Wiesen gesucht, die weg waren von Häusern, damit man Niemand stört und immer nur Samstag Mittag fahren. Ja nie Sonntags, schon gar nicht wenn die Kirchenzeit war.
Später hatte ich einen Freund, ein Unternehmer, der hatte ein grosses Motorrad 1200 er, der bluffte, was und wie er schnell überall durchfuhr. Ich fragte ihn, ob er mit mir nach Niederbipp kommen will. Er kam mit, ich gab ihm ein Motorrad, eine 250 er. Genau 150 Meter der Strecke fuhr er, da stieg er ab und sagte, ich fahre kein Meter mehr, er war am Boden hatte Angst und schwitzte. Ich fuhr ihm das Motorrad zurück. Der Freund hatte nie mehr eine Minute geblufft, er war ganz ruhig, seit er wusste, dass jeder mit so einem grossen Motorrad rumfahren kann, aber nicht jeder auf einer Wiese oder einer Crossstrecke.
Aber mein Vorschlag heute wäre, lassen Sie die Raser 30 Minuten auf so einer Strecke herum fahren, die rasen nie mehr. Die Natur, die Fliehkräfte, die Geschwindigkeit die verhindert das, dass man umfällt wie ein Kartoffelsack, aber es braucht die Kraft, man lernt die Leute, dass im Auto herumrasen eigentlich nie das ist. Wenn man umfällt, ev. einen Knochen bricht, aber zum Glück gibt es fast nie ein Toter. Die Gefahr wäre weg von der Strasse und das allerwichtigste, die Leute können da der Gefahr direkt in die Augen sehen und es braucht Kopf, Geschick und Kraft. Alles Dinge, die die heutigen Raser auf der Strasse nie haben.
Gerne würden wir da mithelfen ein Konzept auszuarbeiten. Wir tun alles, um die vielen Toten auf der Strasse vermeiden zu können.
Und wir danken auch Ihnen, dass Sie jetzt wirklich handeln, denn es muss etwas passieren.
Und nur Gesetze mit Strafen ist nicht der Weg. Wir müssen unsere Kinder mit Liebe erziehen und unser Vorschlag zeigt, diese Liebe, dass wir ihnen ja etwas gönnen möchten, aber nicht, dass sie sterben. Darum bitte, denken Sie über diese Idee nach. Ich versichere Ihnen, die Raserei würde aufhören. Die Aggressionen in der heutigen Computer Welt muss man irgendwo abbauen können.
Unsere 3 Kinder, Caroline, Jimmy und Sven sowie ich, wir fahren seit einigen Jahren kein Motorrad mehr. Wir sehen, dass wir hundert Dinge haben, die wichtiger sind, aber wir wissen, wo man sich abreagieren könnte, wenn man es nötig hätte, aber wir wissen, dass wir es einmal konnten, worauf wir auch stolz sind.
Freundliche Grüsse aus Safenwil
Iris und Hans - Peter Widmer
Verein www.kfkok.com
24.5.2006 Antwort von Herrn Bundespräsident Leuenberger
Sehr geehrter Herr Widmer
Vielen Dank für Ihre Reaktion auf mein Interview in der SonntagsZeitung. Zusammen mit Ihnen haben mir sehr viele Bürgerinnen und Bürger geschrieben und mir zusätzliche Massnahmen vorgeschlagen, mit denen die Raserei auf unseren Strassen bekämpft werden könnte. Ich kann nicht auf alle Argumente jedes einzelnen Briefes eingehen, habe die Vorschläge aber an meine Strassenverkehrsexperten weiter geleitet.
Ich benutze die Gelegenheit dieser Antwort etwas auszuholen, denn an der Raserproblematik zeigt sich auch politisch Grundsätzliches.
Soziales Verhalten wird zuallererst in der Familie gelernt und entwickelt sich später in den gesellschaftlichen Strukturen, in der Schule, in der Lehre und Beruf. Der Staat versucht, soziales Verhalten zu fördern. So macht er das Recht, ein Auto zu lenken, von einer Ausbildung und einer Prüfung abhängig. Er sieht durch das Strafrecht zudem Sanktionen gegen die schweren Verletzungen gesellschaftlicher Normen vor. Die Strafen sollen präventiv wirken, also Alle davon abschrecken, sich asozial zu verhalten. Darüber hinaus zielen diese Sanktionen auch auf den Einzeltäter: Er soll durch die erlittene Strafe zu künftigem Wohlverhalten erzogen werden.
Rasen ist in höchstem Mass asozial. Der Raser spielt ja nicht nur mit dem eigenen Leben, er spielt auch mit dem Leben anderer und nimmt bewusst Tote in Kauf. In den letzten Jahren wird Rasen zunehmend härter sanktioniert, die Gerichte schöpfen die vorhandenen Möglichkeiten des Strafrechts heute meistens aus, und so sind mehrere Raser zu langen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Darüber hinaus werden auch neue Strafen für Raser geprüft, die tatsächlich eine abschreckende Wirkung haben.
Bevor wir nun all die vielen vorgeschlagenen Sanktionen und Massnahmen - vom Verschrotten des Automobils bis zur ebenfalls vorgeschlagenen Todesstrafe - diskutieren, lohnt es sich doch, auch einen Blick auf die Persönlichkeiten der Raser zu werfen. Häufig sind es Menschen aus Gegenden, die als Folge der dortigen Kriegswirren, keinen gesellschaftlichen Halt haben und es sind darüber hinaus fast ausnahmslos Jugendliche, die den Kick, das eigene Leben zu riskieren, suchen, und ihre Gemeingefahr nicht wahrhaben wollen. Ich erwähne das, weil die Integration, die beruflichen Perspektiven für Jugendliche für ein soziales Verhalten nicht unterschätzt werden dürfen. Natürlich können wir es bei dieser Erkenntnis nicht belassen und müssen die wirkungsvollsten Sanktionen umsetzen.
Sie allein lösen das Problem allerdings nicht. Gegen Menschen, die vorsätzlich die Regeln der Zivilisation brechen, kann ein liberaler Rechtsstaat fast nur reagieren. Er kann den Täter verwahren, die Tatwaffe vernichten. Aber da ist immer schon ein Verbrechen geschehen.
Trotzdem müssen wir natürlich alles nur Erdenkbare unternehmen, um zu verhindern, dass auf unseren Strassen Menschen getötet und schwer verletzt werden. In den vergangenen Jahren sind verschiedne Massnahmen getroffen worden.
Einerseits wirken sie erzieherisch: An Neulenkende wird der Führerausweis nur noch auf Probe erteilt, Weiterbildungskurse sind vorgeschrieben, die Alkoholpromillegrenze ist auf 0,5 Promille gesenkt worden. Das Verkehrssicherheitskonzept Via sicura sieht weitere solche vorbeugende Massnahmen vor, unter anderem dichtere Polizeikontrollen und eine gezielte Überwachung von bekannten Raserstrecken. Wir haben aber auch härtere Massnahmen umgesetzt: So verlieren seit dem 1. Januar 2005 Raser den Ausweis schneller und länger als früher.
Darüber hinaus gibt es die ganze Palette von strafrechtlichen und administrativen Massnahmen, welche bereits existieren. Es liegt vor allem an den Justizbehörden, sie anzuwenden. Tatsächlich werden unter dem Eindruck der öffentlichen Diskussion und der zunehmenden Raserei sehr viel härtere Strafen und Massnahmen ausgesprochen. So ist kürzlich ein Raser zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Auch haben Richter bereits mehrfach angeordnet, das Auto als eine Tatwaffe ein zuziehen.
Die Massnahmen haben gewirkt: Im letzten Jahr ging die Anzahl im Strassenverkehr getöteter Personen um 20 Prozent auf 409 zurück. Das sind aber immer noch 409 Menschen zu viel, und ich bin deshalb froh um die laufende Debatte. Sie kann einen wichtigen präventiven Beitrag leisten, weil sie den Autofahrern ihre Verantwortung am Steuer in Erinnerung ruft.
Ich danke Ihnen für Ihr Engagement.
Moritz Leuenberger
KFKOK International
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